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  Besprechung des Brahmasutra
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Mai 2009   -   Besprechung:  Atmabodha von Shankara
Eine Leserin schreibt...


  Atmabodha


Shankara
Atmabodha
Übersetzung aus dem Sanskrit
und Kommentar von Raphael

J.Kamphausen
ISBN-13: 978-3-89901-188-3
124 Seiten, Hardcover
Euro (D) 14,80 / Euro (A) 15,80
Titel zum Bestellen aufrufen
über die Website des Verlags J.Kamphausen





Eine Leserin schreibt am 27. April 2009:

Welche Freude: Endlich wieder eine Schrift von Shankara, die von Raphael übersetzt und kommentiert wurde (wie z.B. das wunderbare, 2004 erschienene Vivekacudamani – Das große Juwel der Unterscheidung.

„Zwischen“ den Zeilen, „hinter“ dem Text „meldet“ sich und „wirkt“ das, was aufzeigt, dabei hilft und unterstützt „sich wieder an das zu erinnern, was man wirklich ist (die platonische Wiedererinnerung). »Dann kann man die Flügel ausbreiten und in die Heimat zurück fliegen, die uns gehört, wie Plotin sagt.« (S. 62 unten).

Hier einige Zitate aus dem Buch, die mich besonders angerührt haben:
»Es genügt nicht, auf sentimentale Weise gut zu sein; es genügt nicht emotionalen Elan in Richtung Tranzendenz zu enwickeln; es genügt nicht, einen scharfen und durchdringenden Verstand zu haben; erforderlich ist hingegen eine Reife des Bewusstseins, die aus einem tiefen „Spüren“ für den Rückweg erwächst.« (Kommentar von Raphael auf S. 37 f.)

»Es gibt Yoga-Praktiken, die bestimmte samadhi-Arten unterstützen und das Individuum in Dialog mit den Göttern treten lassen können ... sie können die Verwirklichung des prinzipalen Einen bieten, aber sie können nicht Befreiung geben. Man muss begreifen, dass Shankaras Advaitavada ... ausschließlich auf die Verwirklichung des metaphysischen Einen, ..., der absoluten Konstanten jenseits von Zeit, Raum und Ursache abzielt. Alle menschlichen und übermenschlichen Zustände sind nichts anderes als maya ...«

»Der Advaita ist jener Weg, der das Manifeste und das Nicht-Manifeste, die Welt der Menschen und die der Götter transzendiert. Aus diesem Grund kann die ganzheitliche Befreiung nur durch Erkenntnis erlangt werden und nicht durch psycho-physiologsche Übungen oder Techniken, ... Man muss daher zwischen ganzheitlicher Befreiung und universaler Bewusstseinserweiterung unterscheiden.« (Kommentar von Raphael auf S. 39 f.)


»Nur der atman beleuchtet den Intellekt usw. und auch die Sinne, wie ein Lampe einen Krug usw. beleuchtet; der eigene atman kann nicht durch diese toten Gegenstände beleuchtet werden.« (sutra 28 von Shankara, S. 61)


»Der atman, dessen Natur Erkenntnis ist, braucht keine anderen Erkenntnismittel, um sich selbst zu erkennen, wie eine Lampe keine anderen Lampe benötigt, um sich selbst zu beleuchten.« (sutra 29 von Shankara, S. 61)


»Es gibt nur einen atman, und der ist unteilbare, ewige Glückseligkeit, stets identisch mit sich selbst, während seine Widerscheine wechselwirkende Phänomene sind.« (Kommentar von Raphael auf S. 68)


Sehr schön finde ich auch, dass es am Ende des Buches ein über 20 Seiten umfassendes Glossar gibt - hilfreich auch für das Lesen andere Raphael-Bücher.

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Wintersonnwende 2008   -   Besprechung:  Die Wissenschaft der Liebe
von Martin Schwarz


  Raphael - Wissenschaft der Liebe


Raphael
Die Wissenschaft der Liebe

Aquamarin Verlag
ISBN-13: 978-3-89427-465-8
96 Seiten, Broschur
Euro 9,95
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über die Website des Aquamarin Verlages





Buchbesprechung: Die Wissenschaft der Liebe
von Martin Schwarz / Wintersonnwende 2008

"Die folgenden Aufzeichnungen richten sich natürlich vor allem an jene Aspiranten und Schüler, die auf dem traditionalen Weg der 'philosophischen Liebe' sind. Deshalb gehen wir auch davon aus, dass unsere Leser bereits über einige Grundkenntnisse verfügen" (S. 9 f.), teilt uns Raphael gleich zu Beginn des schmalen Buches mit.

Tatsächlich bringt er aber zunächst selbst einige Grundlagen über polare Systeme (männlich/weiblich), die Dreiheitlichkeit des menschlichen Wesens (Körper/Seele/Geist), Polaritäten im menschlichen Organismus, insbesondere der Chakren (Energiezentren), alles in sehr nüchterner und distanzierter Weise. Danach und zunehmend damit verwoben, richtet Raphael unseren Blick auf die Liebe, die sich natürlich als das Streben nach Einigung der Polaritäten erweist. Streben nach Einheit auf ausschließlich geschöpflicher Ebene führt zur regelmäßigen Erschöpfung der Liebe. Nur die Liebe, die auch auf die Einheit des Individuums (Individualseele) mit seinem überindividuellen Ursprung (das Eine) hin orientiert wird, transzendiert den unvollständigen, am bloß Sinnlichen und primär Sexuellen haftenden Eros des Begehrens. Die umfassende Liebe macht dann nicht blind, sondern ist selbst das Verstehen - "Verstehen bedeutet (...) den anderen oder das andere zu integrieren, bis die Einheit verwirklicht ist." (S. 36) Der Lehrmeister dieser Liebe, zu dem uns Raphael mit diesem Buch hinführt, ist zuallererst Platon.

In seinem Buch Initiation in die Philosophie Platons - Die Lehre der Nicht-Dualität durch Sankara und die westliche Philosophie Platons (Verlag Lüchow, Freiburg im Breisgau 2002) hat Raphael bereits einen Aufriß der Philosophie Platons gegeben, die ihm zufolge eine initiatische und sakrale ist. Er weist die Bedeutung der Einheit als das Gute für Platon und deren praktische initiatische Funktion in der "Konversion zum Sein" nach und korrigiert die falsche Auffassung von Platon als Dualisten. Auch die Wahrheit kann dem Individuum nicht von außen zukommen. Platon zeigt vielmehr auf, daß die Seele die Wahrheit schon besitzt. Dem "Aufstieg mittels der Dialektik zur Einweihung bzw. Initiation in die Philosophie" stellte Raphael in diesem Buch bereits den "Aufstieg mithilfe des Eros zur Einweihung oder Initiation in die Liebe" zur Seite, dem sich das neu übersetzte Buch "Die Wissenschaft der Liebe" nun zur Gänze widmet.
Mäander
Die beiden unterschiedenen Wege werden auch als Gnostik und Mystik, indisch: jñana und bhakti, bezeichnet. Im Thomas-Evangelium antwortet Jesus auf die Frage, wo man sein Heil erwirken kann: 'überall wo es keine Frauen gibt.' Eine im höchsten Grad gnostische Antwort" schreibt E. M. Cioran in seinen »Aufzeichnungen aus Talamanca«. (weissbooks, Frankfurt am Main 2008; S.7)  Demgegenüber ist nicht nur für die initiatische Bruderschaft der "Fedeli d'Amore" die Weisheit eine Frau. (Zu den Fedeli d' Amore siehe in deutscher Sprache: Luigi Valli, Die Geheimsprache Dantes und der Fedeli d'Amore; Gnostika, Nr. 17, 2.2001) "Die 'Frau' der Getreuen der Liebe ist vom geistigen Standpunkt aus (...) der transzendente Intellekt, die heilige Weisheit. [...] die einzige transzendente und universale Intelligenz, welche zum 'Akt' erweckt, was in der menschlichen Denkfähigkeit nur als 'Potenz' schläft", so Julius Evola in "Das Mysterium des Grals". (Otto Wilhelm Barth, München-Planegg 1955; S. 205)

Für Dante Alighieri, der sich in seinen Werken "Vita Nova" und "Convivium" auf die "Fedeli d'Amore" bezieht, "ist Beatrice die durch eine 'Frau' symbolisierte Weisheit und Liebe." (S. 67) Der durch Beatrice geleitete Aufstieg ins Paradies ist in diesem Buch ständig präsent durch Auszüge aus Dantes "Göttlicher Komödie", illustriert mit den berühmten Silberstift-Zeichnungen von Sandro Botticelli.

Alle drei, die Seelenführerin Beatrice, der initiatische Dichter Dante und der begnadete Zeichner Botticelli stehen in besonderer Relation zu einer bisher unerwähnten, aber wesentlichen Dimension der Liebe: der Schönheit. Der Mensch liebt weitaus mehr als das, was gut oder wahr ist, was schön ist. Etwas Schönes übt eine eigene Macht aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Wohl aber kann man den Blick von dem sinnlichen einzelnen Schönen zum Schönen als solchen, zur Schönheit lenken.

"Ein Blick, eine Geste, eine Bewegung, ein Gespräch, das Ereignis einer Begegnung - alles wird zur lieblichen Schönheit, wenn es das Schöne ist, das schaut, spricht und sich bewegt. Um dahin zu gelangen, um das transeunte Schöne zu überschreiten, reichen die umfangreichen ausschließlich wissenschaftlichen, spekulativen, dianoetischen und auch moralischen Kenntnisse nicht aus." (S. 80) Eine Reinigung - Karthasis - des Schauenden macht ihm dem angeschauten gleich und damit eins, der Mensch wird sonnengleich um die Sonne sehen zu können, d.h. nur die innere Schönheit kann über den Weg des äußeren Schönen bis zur Identität der Schönheit gelangen, die dann auch nicht von dem Guten, der Wahrheit, dem Einen zu unterscheiden ist. "Das Schöne in uns liebt das Schöne aus einem Akt der Identität heraus." (S. 81) Diese direkte Verbindung braucht keine Vermittlung, kein Begehren mehr.

Raphael hilft uns mit Platon, Plotin, Dante, den Fedeli d'Amore und den Analogien der indischen Metaphysik, mit nüchternen Tabellen und "feurigen" Evokationen, zu einem Verständnis der Initiation der Liebe zu gelangen, wie er sagt: "Liebe, die wir alle suchen, aber oft nicht finden, weil es uns an Weisheit fehlt und die Energie daher in eine falsche Richtung gelenkt wird." (S. 83) Die Initiation des Eros faßt er schließlich präzise so zusammen: "(ein) Weg, der (...) bei der Liebe und Schönheit der Sinne beginnt und mit der Verwirklichung der übersinnlichen Liebe-Schönheit endet, welche die Gesamtheit von Liebe und Schönheit auf den verschiedenen Ausdrucksebenen integriert und vereint." (ebd.)                           

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Juni 2008   -   Besprechung des Brahmasutra
von Martin Schwarz am 15. April 2008


  Badarayana - Das Brahmasutra


Badarayana
Brahmasutra
Übersetzung aus dem Sanskrit
und Kommentar von Raphael

J.Kamphausen
ISBN 978-3-89901-141-8
450 Seiten, Halbleinen
Euro 30,00 / € (A) 30,90
Titel zum Bestellen aufrufen
über die Website des Verlags J.Kamphausen



Besprechung des Brahmasutra
von Martin Schwarz am 15. April 2008

Mit der Kommentierung des Brahmasutra wird die Reihe der wichtigen Kommentare der Grundtexte des Advaita Vedanta fortgesetzt. Wie René Guénon geschrieben hat, ist der Text der Brahma-Sutras von extremer Dichte und gründet sich "direkt und ausschließlich auf den Upanishaden" (L´homme et son devenir selon le Vêdânta, Paris 1952, S. 22), nur die Verständnisschwierigkeiten aufgrund der komprimierten Ausdrucksweise haben manche Interpreten fälschlich dazu verleitet, etwas anderes zu finden "als eine autorisierte und kompetente Interpretation der traditionellen Doktrin" (ebd.). Wie man sieht, ist eine Aufschlüsselung dieses Textes durch einen verlässlichen Autor gerade für den westlichen Leser sehr wichtig, und dafür gibt es heute keinen kompetenteren als Raphael.

Das Brahmasutra ist der vielleicht schwierigste Text der vedischen Tradition (d.h. der auf den Veden basierenden Tradition). Die Verständnisschwierigkeiten sind enorm, der Text erinnert geradezu an vorsokratische Fragmente, er ist darüber hinaus für unterschiedliche Perspektiven offen, wie ja insgesamt "Veden und Upanishaden einen Komplex aus doktrinalen Spekulationen bilden, in dem dualistische, monistische und nicht-dualistische Auffassungen zu finden sind; sie untersuchen mit anderen Worten aus unterschiedlichen Bewußtseinspositionen die Natur des Seins und des Nichtseins (Werden). Daher bilden sie keine geschlossene Philosophie, sondern sind offen für verschiedene Erkenntnisaspekte, abhängig von der Sichtweise jedes einzelnen Forschers." (S. 45)

Die hier vorliegende Übersetzung des Textes und vor allem des ausführlichen Kommentars von Raphael folgt Shankara, der die Ungeteiltheit (Advaita) des Seins oder einen nicht-qualifizierten Monismus vertreten hat. Shankaras Kommentar selbst ist vom Ashram Vidya (Zentrum des Wissens) bisher nur in italienischer Übersetzung veröffentlicht worden.

Wenn das Brahmasutra mit Raphaels Kommentar jetzt auf deutsch in der gewohnten Qualität und in ähnlicher Form nach den Bänden "Drigdrisyaviveka", "Mandukyakarika", "Bhagavadgita" , "Vivekacudamani" und "Yogadarsana" erschienen ist, so kann man auch empfehlen, zumindest einen dieser veröffentlichten Bände zuvor gelesen zu haben; am besten geeignet ist wohl das Vivekacudamani von Shankara, am leichtesten zugänglich vermutlich die Bhagavadgita. Für den völligen Neuling empfiehlt sich überhaupt als erstes ein Einführungsbuch von Raphael, z.B. "Jenseits der Illusion des Ich" oder "Tat Tvam Asi - Das bist du", denn der Brahmasutra-Kommentar verlangt dem Leser doch einiges ab.

Es ist aber nicht ausgeschlossen, entsprechende Konzentration und Zeit vorausgesetzt, daß auch mit dem Brahmasutra der Weg begonnen wird, Raphael gibt im Prinzip alles Notwendige an Aufschlüsselung mit. "Der Anfang ist es, der dem Menschen fehlt. Nicht, dass es so schwer wäre, ihn zu finden - nur die Einbildung, ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis." (Meyrink)

Das Brahmasutra besteht aus vier Büchern mit insgesamt 555 Sutren (Verse). Die Titel der Bücher lauten in dieser Übersetzung: Konkordanz, Abwesenheit von Widerspruch, Spirituelle Disziplin und Die Frucht. Das Ziel des gesamten Werks ist "die Identität mit dem Brahman - die höchste Befreiung", nicht durch eine Handlung, sondern durch die Erkenntnis: "ein Sich-selbst-Gewahrwerden als das, was man bereits ist." (S.14)

Die Upanishaden, deren Essenz oder Herz das Brahmasutra ist, "sind ‚dialektische Splitter', um das Bewußtsein des Forschenden aus dem ‚Schlaf' zu wecken, in den es durch seinen Verstand eingeschlossen worden ist." (S. 13) Brahman, das Absolute, kann nicht von unseren Handlungen abhängig sein, es kann aber auch nicht in einem "jenseitigen" Bereich eingeschlossen werden: "Brahman [ist] immanent und transzendent; da es anderseits alles durchdringend ist, das Substrat des Ganzen oder, ferner, das Fundament des Sinnlich-Wahrnehmbaren und Intelligiblen, muss es auch im ‚Herzen des menschlichen Wesens' sein und nicht nur in ihm." (S. 29)

"Brahman ist ‚im Himmel' (qualifiziert) und ‚jenseits des Himmels' (nicht qualifiziert oder nicht determiniert) , das heißt saguna und nirguna. Es ist ‚innen und außen'. Brahman erschöpft sich nicht im ‚Innen' (Immanenz), denn darin bildet Es nur das Substrat, auf dem sich das Hell-Dunkel der Manifestation einwebt. Das ‚Außen' (Transzendenz) wird nicht durch das ‚Innen' bestimmt [...]" (S. 32) Diese Bestimmungen erfahren wir im ersten Buch.

Faßt man zusammen, so kann man sagen, daß das erste Buch und die Abschnitte der Veden und Upanishaden, auf die es sich bezieht, zeigen, wie "Brahman die unverursachte Ursache des Ursprungs des Existenten ist, dass Es die metaphysische Wurzel der Essenz und der Substanz ist." (S. 125) Diese metaphysischen Bestimmungen erläutert Raphael auch unter häufigem Rückgriff auf die neuplatonische Lehre des Westens, damit "hebt er hervor, dass es nur eine metaphysische Wahrheit gibt in Hinblick auf die vielfältigen Wahrheiten der sichtbar-wahrnehmbaren Welt." (S.7) Raphael erweist sich als Vertreter der integralen Tradition, die keine Hypothese und keine Schule ist, und schon gar nicht erstmals von Marsilio Ficino erfunden wurde, sondern die Erkenntnis der Einen Metaphysik (der Einen Tradition).

Das zweite Buch des Brahmasutra erweist die Unwidersprüchlichkeit der vertretenen Auffassung vom ausschließlichen Zugrundeliegen Brahmans durch die Widerlegung von Einwänden verschiedener Schulen. In einem interessanten Anhang zum zweiten Kapitel dieses Buches vergleicht Raphael Brahman (dessen Identität mit dem Atman, dem Selbst, feststeht) mit der buddhistischen Sunya (Leerheit), also der Anatman-Lehre (dies ist unter Guénonisten ein umstrittenes Thema, insbesondere der französische Metaphysiker Georges Vallin und Jean-Marc Vivenza haben die Sunya-Lehre Nagarjunas verteidigt.)

Der verkörperte Jiva (Individualseele) auf dem Weg zur Befreiung steht im Zentrum des dritten Buches: der Tod als Trennung von Körper und Jiva und die "Seelenwanderung" (richtig verstanden). Das Ziel, das Selbst aus diesem dualistischen Konflikt zu befreien, eint die Traditionen des Ostens und des Westens: das heißt die "Assimilierung an das Göttliche [...]; ob es ontologisch oder überontologisch ist, ist unwichtig; wichtig dagegen ist, dass das unmittelbare und unmißverständliche Postulat aufgestellt wird, mit dem sich das Wesen, früher oder später, notwendigerweise konfrontieren muss." (S. 367)

"Ob nun die Erkenntnis, die Ritualität oder das richtige Handeln usw. die richtigen operativen Mittel für dieses Ziel sind, ist dabei irrelevant, denn jedes Wesen findet, den eigenen Qualifikationen entsprechend, die Art und Weise, sich diesem Ziel zu nähern." (S. 368) Das vierte Buch beschäftigt sich schließlich mit der "Frucht", den befreiten Jiva. Die Befreiung (Mukti) ist ununterschiedlich dasselbe: "Jenes zu sein (Tat tvam asi)" (S. 401), so unterschiedlich die Wege, je nach der Qualifikation - dualistisch, monistisch, nicht-dualistisch - auch sind. "[Es] gibt keinerlei Norm oder Manifestationsverschiedenheit bei der Frucht dieser Erkenntnis. Brahman lässt keine Verschiedenartigkeit in Bezug auf die Früchte oder Wirkungen der Erkenntnis zu." (ebd.)

Das Brahmasutra führt uns, den Leser, durch die Stufen des Seins, die der mathematische Metaphysiker René Guénon geometrisch symbolisiert hat. Die wichtige praktische Realisierung kann niemandem abgenommen werden, die theoretische "abstrakte" Erkenntnis ist die, daß es sich beim Geltenlassen unterschiedlicher Perspektiven (Pluralismus, Dualismus, Monismus, "metaphysische Null" Guénons bzw "überontologisch" bei Raphael) um keinen Relativismus handelt, sondern um "Eigenschaften" (sozusagen) des Absoluten selbst, dessen Eigenschaftslosigkeit jedoch seine höchste und wichtigste "Eigenschaft" ist. Nichts hat uns Abendländer mehr an dieser Erkenntnis gehindert, als die exzessive Ausgestaltung der empirischen und verstandesmäßigen Wissenschaften, die Hypertrophie nebensächlicher und untergeordneter Erkenntnisformen, die inzwischen auch den Osten überschwemmt hat. Der Weg zurück zur einfachen Erkenntnis ist daher sehr schwer, Raphael macht ihn mit diesem Kommentar zum Brahmasutra ganz und gar nicht leicht, aber so einfach wie nur möglich.