Leben
in der Einsiedelei
Gespräch
mit zwei Bewohnern der Einsiedelei »Academia Ordo Rael«

»Für den, der verstanden hat,
ist das weltliche Leben reine Zeitverschwendung«
Sofia* (52), gelernte Rechtsanwaltsgehilfin, lebt seit 21 Jahren
und der 45-jährige Elektronik-Ingenieur Leonardo* seit 17 Jahren
in der Einsiedelei. Beide kommen aus katholischem Elternhaus, das
ihnen tiefe Religiosität vermittelt. Bereits in ihrer Jugend
tauchen existenziell-spirituelle Fragen auf, die allerdings nicht
befriedigend beantwortet werden.
Ihre Entscheidung, in die Einsiedelei einzutreten, müssen
sie gegen den ausdrücklichen Wunsch der Eltern durchsetzen
- für beide bedeutet dies die Überwindung eines großen
Hindernisses. Zurück ins weltliche Leben würden sie um
keinen Preis gehen. Anzumerken ist, dass in den über 20 Jahren
seit der Gründung der Einsiedelei nur ganz wenige Bewohner
ihren Eintritt wieder rückgängig machten. Diese »Aussteiger«
sind ihrem spirituellen Lehrer nach wie vor inniglich verbunden.
Sofia trifft Raphael zum ersten Mal im Alter von 22 Jahren. Spontan
entscheidet sie sich, nicht zu heiraten, sondern ihr Leben dem Meister
zu widmen. Sie fühlt, dass sie »zu Hause« angekommen
ist. In ihrer Jugend lebt Sofia ein unabhängiges Leben, treibt
Sport und beginnt im Alter von 17 Jahren zu reisen, u.a. nach Griechenland
und nach Indien. Die Geschichten der Heiligen üben eine ganz
besondere Faszination auf sie aus. Sehr früh entwickelt sie
eine starke Neigung zur griechischen Philosophie der Antike. An
historischen Orten, die sie auf ihren Reisen besucht, durchlebt
sie außergewöhnliche innere Prozesse.
Als Sofia von dem Vorhaben Raphaels hört, eine Einsiedelei
zu gründen, steht ihre Entscheidung schnell fest: Sie möchte
ihr Leben in der Nähe des Meisters verbringen.
Leonardo wendet sich im Alter von 18 Jahren mit schnell wachsendem
Interesse spirituellen Fragen zu. Er liest viele Bücher und
praktiziert Yoga. Die Schriften Raphaels kennt er bereits, bevor
er ihn auf einem Seminar persönlich kennenlernt. Nach dem Einzug
Raphaels und ein paar Schülern in die Einsiedelei kommt Leonardo
zunächst nur für kurze Aufenthalte in den Ferien zu Besuch,
später dann immer häufiger und länger.
Im Alter von 33 Jahren entscheidet er sich, sein Leben »der
Auflösung des Ich und der Rettung seiner Seele« zu widmen.
Der endgültige Entschluss für ein Leben der totalen Entsagung
der Welt fällt, als er eine Lohnerhöhung erhalten soll.
Schlagartig wird ihm klar, dass »das weltliche Leben für
ihn reine Zeitverschwendung ist«. Leonardo: »Sicher
habe auch ich manchmal Lust auf ein Nusshörnchen oder eine
Tasse mit duftendem Cappuccino - aber hier erfahre ich tagtäglich,
wie ungleich erfüllender und lohnender jene Art des Lebens
ist, die aus den Fängen des begehrlichen Ich befreit ist. -
Hier habe ich meine Seele gerettet!«
Joachim: Was hat euch in die Einsiedelei
geführt?
Sofia: Ich habe in Raphael meinen
Leuchtturm gefunden. Er erhellt meinen Weg. Mich hat vor allem überzeugt,
wie er aus den Lehren des Ostens und des Westens das Gemeinsame
und die Essenz der Erkenntnis herausschält und mit welcher
Poesie er sie uns vermittelt.
Leonardo: Berufung! Ich habe in
meinem Elternhaus zahlreiche geistige Würdenträger kennengelernt
und ihnen meine spirituellen und existenziellen Fragen vorgetragen.
Nie habe ich eine befriedigende Antwort erhalten. Statt dessen sollte
ich mich immer nur mit einem »Du musst glauben!« zufrieden
geben. Außerdem hat mich der kirchliche Dogmatismus abgestoßen.
Raphael hat mir die Kraft und die Reife gegeben, meinen Weg in
eigener Verantwortung zu gehen. Irgendwann machte mein weltliches
Leben - abgesehen von den Besuchen in der Einsiedelei - keinen Sinn
mehr. So entschied ich, für immer zu bleiben. Ich schloss mit
meinem weltlichen Leben ab und überließ mich ganz der
Führung meiner Seele.
Joachim: Was habt ihr hier gefunden?
Leonardo: Ein Feld voller Steine!
Meiner Natur nach möchte ich frei und unabhängig sein
und stets tun und lassen können, was ich will. Meinem Ich hat
das hier überhaupt nicht gefallen. Denn hier weiß jeder
alles über alle - ein Versteckspiel untereinander ist nicht
möglich. Von Anfang an war mir klar, dass es nicht leicht werden
würde. Aber ich fühlte mich stark genug und ... sprang.
Meine Erfahrungen sprengten allerdings jedes Vorstellungsvermögen:
Ich hatte mich überschätzt. Aber es gab keine Alternative.
Das innere Wachstum begann mit dem Beherrschen der Begierden und
dem Auflösen der Inhalte meines Unterbewusstseins. Ich lernte,
die anderen Mitbewohner der Einsiedelei zu respektieren und fand
nach und nach heraus, dass die Probleme, die ich mit den anderen
hatte, im Grunde meinen eigenen Probleme mit mir selbst waren.
Inzwischen habe ich den Zustand erlangt, nach dem meine Seele stets
verlangt hat. Mein Ich wäre nicht in der Lage dazu gewesen.
Denn das Ich sucht auf der horizontalen Linie vergeblich, was nur
auf der Vertikalen gefunden werden kann. Die Verwirklichung ist
hier ein ganz praktischer Prozess, begleitet von der Theorie.
Sofia: Dunkle Nächte und
trockene Wüsten! Es ist halt ein großer Unterschied,
ob man nur für einige Tage und Nächte hier ist oder für
immer. Das Ich findet hier keinen Trost mehr in seinen Zukunftsprojektionen.
Aber ich habe mir gesagt, dass ich nicht hier bin, um »mich
gut zu fühlen«, sondern um mich zu verwirklichen.
Bald stellte ich fest, dass Frieden in mir einkehrt, sobald ich
mit mir und der Welt in Einklang bin. Raphael ist dabei eine große
Unterstützung, da er jedem genau das geben kann, was er braucht.
Dies ist sicherlich eine wesentliche Voraussetzung für das
liebevolle und friedliche Zusammenleben so unterschiedlicher Menschen
hier. Ich kenne keine bessere konkrete Möglichkeit zur Umformung,
Findung und Befreiung seiner selbst.
In der Einsiedelei ist ein konstanter spiritueller Einfluss verankert,
der uns alle auf unserem Weg unterstützt und begleitet. Draußen
in der Welt braucht man Masken. Hier muss man sie fallen lassen,
sonst scheitert man. Die Auflösung des Ich ist die Voraussetzung
für die Verwirklichung. Der Verwirklichungsweg muss durchlaufen
werden, die Theorie muss in die Praxis umgesetzt werden. Hier erfahre
ich die optimale Unterstützung, um dieses Ziel zu erreichen.
In den vergangenen 21 Jahren habe ich mich bereits sehr verändert.
Für mich gibt es kein Zurück in die Welt.
* Die Namen der beiden Gesprächspartner wurden aus Gründen
der Diskretion
geändert.
(Das Gespräch führte der Verleger Joachim Kamphausen im
Herbst 1998.)
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